Mehr als zwei Drittel der Jugendlichen in Deutschland nutzen regelmäßig die Videoplattform Youtube sowie ein Drittel der Jugendlichen das soziale Netzwerk Instagram, so die JIM-Studie von 2018. In drei Studien mit dem gemeinsamen Titel „weibliche Selbstinszenierung in den neuen Medien“ wurden diese Plattformen sowie beliebte Musikvideos nun genauer untersucht.

Studienübergreifend wurde deutlich, dass Frauen insgesamt unterrepräsentiert sind und eine geringere Themenvielfalt abdecken im Vergleich zu Männern. Zudem werden Frauen insbesondere in Musikvideos stark sexualisiert und dem Mann untergeordnet dargestellt.

Influencerinnen als Vorbilder

In Gesprächen mit Mädchen zum Thema Instagram fanden die Forscher*innen heraus, dass die Mädchen die meisten ihrer hochgeladenen Bilder ganz bewusst ausgewählt haben und sich teilweise schon nach einem ganz speziellen Muster fotografieren lassen haben. Sie nehmen dabei Bilder von Influencerinnen als Vorlage und stellen diese nach oder orientieren sich an ihnen. So reiste beispielsweise ein Mädchen im Urlaub gezielt an die Orte, an denen auch eine Influencerin gewesen ist, und ließ sich dort ablichten. 

Eine Grafik: 63 Prozent der Mädchen, die Influenzier*innen folgen, ist es wichtig, schlank auszusehen, bei Mädchen, die keinen Influenzier*innen folgen, sind es nur 38 Prozent.
Influencerinnen beeinflussen Mädchen in ihren Figurwünschen /Quelle: Malisa

Die Inszenierung beginnt aber bereits viel früher: Bestimmte Posen der Influencerinnen adaptieren die Mädchen. Der häufigste Grund dahinter: das Optimieren der eigenen Figur. Dabei scheinen sich die Mädchen ganz bewusst zu inszenieren. In den Gesprächen schilderten sie offen, dass sie spezielle Posen einnehmen, um schlanker auszusehen oder Filter verwenden, um ihre Gesichtshaut zu optimieren. Teilweise nutzen sie sogar Bildbearbeitungsprogramme, um ihre Beine zu verlängern oder den Bauch zu straffen. Die Studie zeigte, dass Mädchen, die Influencerinnen folgen, größeren Wert darauf zu legen, schlank zu sehen. Und 100 Prozent der Mädchen, die der Youtuberin und Influencerin Dagi Bee folgen, optimieren bei Bildern ihre Haut. 

Das Instagram-Profil als Visitenkarte

Hingegen werden Bilder, die sie nach eigenem Empfinden in ein schlechtes Licht rücken oder sie unvorteilhaft aussehen lassen, gar nicht hochgeladen. Das Ziel hinter dieser Inszenierung scheint aber keineswegs zu sein, die Aufmerksamkeit von Jungen auf sich zu ziehen. Im Gegenteil scheuen sich die meisten befragten Mädchen davor, Bilder mit einem tiefen Ausschnitt oder gar in einem Bikini zu posten. Sie sehen ihr Profil als eine Art „Visitenkarte“ und selektieren die Bilder. Entscheidend ist, welche ein potenzieller Arbeitgeber*in sehen sollte und welche nicht.

Grafik: 80 Prozent Jugendliche denken, es seien mindestens gleich viele Männer wie Frauen in den deutschen Single Charts, das Verhältnis ist aber 2:1
Das Verhältnis von Männern und Frauen als Sänger*innen ist 2:1. /Quelle: Malisa

Dass sich die Mädchen damit einem Rollenbild der Frau entsprechen, welches längst überholt sein sollte, ist ihnen dabei nicht bewusst. Interessant ist aber auch: Nicht nur Mädchen inszenieren sich bei Instagram. Auch Jungen orientieren sich an normierten Schönheitsstandards. So machen 40 Prozent der Jungen auf Bildern ihre Schultern breiter oder machen sich insgesamt muskulöser.

Diese Sicht auf das Rollenbild von Mann und Frau wird noch deutlicher, wenn es darum geht, dass Jugendliche ebendieses in Musikvideos analysieren sollen.

Sexualisierung als weibliche Stärke

In einer Repräsentativbefragung sprachen die Forscher*innen, die zuvor über 300 der in Deutschland und den USA beliebtesten Musikvideos untersucht haben, mit Jugendlichen über deren Nutzung und Rezension von Musikvideos. Dass dabei doppelt so viele Männer wie Frauen singen und damit die Hauptrolle im Video spielen, war nur den wenigsten bewusst: 80 Prozent der Jugendlichen nahmen an, dass das Geschlechterverhältnis ausgeglichen ist oder mehr Sängerinnen zu sehen sind. Noch interessanter ist jedoch, dass die Mehrheit der Jugendlichen Szenen, in denen Frauen stark sexualisiert wurden, als Stärke der Frau interpretieren. Für sie scheint es weibliche Stärke auszustrahlen, wenn sich die Frau sexy und leicht bekleidet bewegt. 

Grafik: Unter den 100 beliebtesten Youtuber*innen sind 29 Prozent Frauen, 69 Prozent Männer und 2 Prozent Inter/Trans/Andere
Unter den 100 beliebtesten Youtuber*innen sind deutlich mehr Männer als Frauen /Quelle:Malisa

Auch unter Youtuber*innen ist das Geschlechterverhältnis etwa 2:1. Hinzu kommt, dass sich auch dort, genau wie bei Instagram, Frauen hauptsächlich in nur wenigen Themengebieten zeigen. Dazu zählen Themen wie Beauty, Food oder Beziehung/Partnerschaft. Männliche Youtuber decken hingegen ein deutlich breiteres Themenspektrum ab. In der Untersuchung führten die Forscher*innen mit 14 Youtuberinnen Interwies zu ihrer Sicht auf die Branche. So erzählte eine Youtuberin: „Eine starke eigene Meinung schmälert deinen finanziellen Wert, weil sich dann bestimmte Firmen nicht mehr mit dir zeigen wollen.“ Eine andere bestätigte dies, sie schilderte, dass Frauen mehr Geld verdienen, wenn sie einem gewissen Schönheitsideal oder einer bestimmten Erwartung entsprechen. 

Jugendliche sollen stärkere Medienkompetenz entwickeln

Anhand dieser Studien wurde umso deutlicher, dass Jugendlichen in den neuen Medien ein Rollenbild von Frau und Mann vermittelt bekommen, das an die 1950er Jahre erinnert und eigentlich längst überholt sein sollte. Raum für Identitätsentwicklung gibt es für die Jugendlichen dort nur wenig.

Der Bayrische Rundfunk initiierte 2016 das Projekt „so geht Medien“. Dieses hat sich zum Ziel gesetzt, Jugendlichen Medienkompetenz, insbesondere online, zu vermitteln. Dort werden Unterrichtsmaterialien entwickelt, bei denen Schüler*innen selbst aktiv werden können. Anhand der Studie zu Musikvideos wurden Materialien zum Thema „Was Musikvideos über Männer und Frauen erzählen“ konzipiert, darunter ein Video und Stundenabläufe.

Die Studien haben die Universität Rostock, der Filmuniversität Babelsberg sowie das Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) durchgeführt. Die wissenschaftliche Leitung hatten Claudia Wegener, Elizabeth Prommer und Maya Götz inne. Gefördert wurden die Studien zum einen von der Malisa Stiftung, die die Schauspielerin Maria Furtwängler gemeinsam mit ihrer Tochter Elisabeth gründete, zum anderen von der Film- und Medienstiftung Nordrhein-Westfalen.

Ein Gruppenfoto der drei Forscherinnen der Studien
Die drei Forscherinnen der Studien: Prof. Dr. Claudia Wegner, Prof. Dr. Elizabeth Prommer und Dr. Maya Götz (v.l.) /Quelle: Markus Nass für MaLisa

/Paulina Zacharias

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