Am 19. März präsentierte die Wissenschaftsjournalistin und Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim ihr erstes Buch über ihr ‚Baby‘, die Chemie, am Campus Rheinbach der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Gender2technik hatte die Möglichkeit sie zu begleiten:

Draußen ist es bereits dunkel. Dennoch füllt sich der Hörsaal – nicht nur mit Studierenden. Jedes Alter ist vertreten, selbst Kinder sind dabei. Der Strom an Zuhörerenden reißt nicht ab. Die Sitze reichen nicht aus. Erwartungsvoll schauen sie nach vorne. Etwas eingeschüchtert von dem Ansturm wirkt Mai Thi Nguyen-Kim („Nürn-Kim“). Wegen ihr und ihrem Buch sind sie alle gekommen.

Nach einem kurzen Interview geht es dann endlich los: „Ich war ein ziemlich hässliches Baby“, liest Mai vor. Dabei zeigt sie ein Babyfoto von sich, sodass das Publikum nicht anders kann als zu lachen. „Für meine Eltern war ich natürlich das schönste Baby der Welt.“ Mit jedem weiteren Satz wird ihre Stimme lebhafter. „Als Chemikerin fühle ich mich mit der Chemie manchmal wie eine Mutter mit einem hässlichen Kind.“

„Du siehst gar nicht aus wie eine Chemikerin“

Mit ihrem Buch erfüllt sich die 31-jährige Heppenheimerin nicht nur einen Kindheitstraum, sie möchte auch ihre Mission einen Schritt weiter bringen: Wissenschaft wie eine Seuche im Land zu verbreiten. Ihre Mission startete sie, während sie an der Harvard University an ihrer Doktorarbeit schrieb. Sie startete den YouTube-Kanal „The Secret Life Of Scientists“ und zeigt uns „Normalos“ wie Wissenschaftler*innen aussehen und dass diese „Nerds“ auch Hobbys und Freunde haben.

„Du siehst gar nicht aus wie eine Chemikerin“, bekomme sie oft zu hören. „Ist ein Kompliment, ist klar!“, sagt sie lachend. Denn meistens stellen wir uns Wissenschaftler sehr klischeehaft vor. Mit ihren langen schwarzen Haaren und dem Millenium Falken Shirt, welches vorne in ihrer Jeans steckt, wirkt sie weder wie ein wahnsinniger Wissenschaftler, noch wie ein sozial inkompetenter, aber brillanter Nerd. Das Buch balanciert sie auf ihren überschlagenen Beinen, während sie weiterließt.

„Für mich ist Chemie Alltag!“, sagt sie. Und so beginnen ihr Buch und ihre Lesung auch mit dem Weckerklingeln am Morgen. Doch es geht weiter. Sie erzählt nicht nur von ihrer Liebe zu Chemie, die für sie so selbstverständlich ist, sondern auch warum sie ein Buch geschrieben hat. Ihrer Faszination für Chemie mehr Raum zu geben, das war eins der Ziele. „Es ist fast schon spirituell“, grübelt sie. „Ich bin ein Haufen Moleküle, der etwas über Moleküle erzählt und ihr seid ein Haufen Moleküle, der etwas über Moleküle erfährt!“

2016 begann Nguyen-Kim ihre Karriere bei „funk“ als Wissenschaftsjournalistin auf Youtube mit dem Kanal „schönschlau“, den sie später in „maiLab“ umtaufte. Hier bringt sie ihren oftmals jungen Zuhörern bei, die Welt mit den Augen eines Wissenschaftlers zu sehen und von alltäglichen Dingen fasziniert zu sein. Seit Ende 2018 ist sie Nachfolgerin von Rangar Yogeshwar in der Sendung „Quarks“. Doch sie ist noch mehr: Vorbild für viele Mädchen und Frauen in der Wissenschaft.

„Schau mir ins Gesicht, so sieht ein Chemiker aus.“

Ambivalent – so beschreibt Ngyuen-Kim selbst ihre Beziehung zu ihrer Sonderstellung als Frau in der Wissenschaft, als Repräsentantin, Vorbild, Rollenbild, die Sichtbare, die das Klischee des männlichen verrückten Wissenschaftlers durchbricht. „Wie schön wäre es, wenn ich mich auf Inhalte konzentrieren könnte. Wissenschaft ist meine Stärke, nicht mein Geschlecht“, schreibt sie in ihrem Essay „Wir können keinen Schaum schlagen“, welcher kürzlich in der Zeit  erschienen ist.

„Sollte man gendern?“

Weder zu Schulzeit, noch beim Studium der Chemie in Mainz, noch bei ihrer Promotion hatte sie das Gefühl, dass ihr Geschlecht eine Rolle spielt. Obwohl sie noch nicht so selbstbewusst war wie heute, hatte sie nicht den Gedanken: „Wie schaffe ich ein Chemiestudium, ein Physikstudium oder ein Maschinenbaustudium als Mädchen oder Frau?“ Sonst wäre sie vielleicht gar keine Chemikerin geworden. Damals hätte sie andere Probleme gehabt, als zu gendern. Ihre Wahrnehmung hat sich nicht geändert, doch ihr Beruf – als Wissenschaftsjournalistin und Wissenschaftskommunikatorin nutzt sie nun die Sprache als Werkzeug und nicht mehr Kolben, Heizplatte und Spatel. Der Frage: Gendersternchen, generisches Maskulinum oder Nennung männlicher und weibliche Berufsbezeichnungen, hat sie erst kürzlich ein ganzes Video gewidmet. „Sollte man gendern?“. 100 Prozent zufrieden ist sie mit den Lösungen nicht – ob Gendersternchen, Nennung von männlichen und weiblichen Berufsbezeichnungen oder generisches Maskulinum. So sagt sie in dem Video: „Mich nervt am meisten, dass ich im Jahr 2018  mir über sowas hier immer noch Gedanken machen muss, dass ich mir überhaupt Gedanken machen muss wie ich weibliche Zuschauer erreiche.“

Doch ist sie auch froh, Frauen in der Wissenschaft normaler und sichtbarer zu machen und dabei Mädchen und Frauen zu inspirieren. Dieser ganze Zirkus mit dem Geschlecht, all das lohnt sich für sie, wenn talentierte Frauen ihre Selbstzweifel verlieren und Wissenschaft machen. Sie geht das Thema pragmatisch an: „Wie kann ich Sprache einsetzen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Wenn mein Ziel ist, Mädchen und Frauen mit MINT zu verbinden, kann bewusstes Nicht-Gendern manchmal einen ähnlichen Effekt haben wie Gendern.“ Und genau deswegen nennt sie sich bewusst „Chemiker“ – um Mädchen und Frauen zu sagen: „Schau mir ins Gesicht, so sieht ein Chemiker aus.“

„Alles ist Chemie“

Die Lesung vergeht wie im Flug. Mai Thi’s Plan ist aufgegangen: „Mit jedem Tag stecke ich mehr Menschen mit der Liebe zur Wissenschaft an – und die machen dann weiter und stecken ihrerseits Menschen an. Es gibt kein Entkommen!“ Denn „Alles ist Chemie“. Und so beendet sie ihre Lesung in Rheinbach mit der Ukulele und einer Liebeshymne für die Chemie:


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Liebeshymne für die Chemie von Mai Thi Nguyen-Kim / Quelle: Bibliothek H-BRS

/Deliah Michely

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