Nicht nur Klimaaktivistinnen werden in den sozialen Medien mit Anfeindungen konfrontiert. An ihrem Beispiel hat eine Studentin des Technikjournalismus jetzt aber analysiert, wie eine erfolgreiche Gegenwehr aussehen kann.

Weltweit nutzen Menschen die sozialen Netzwerke zur Meinungsäußerung, zum Informationsaustausch oder zur Vernetzung. Doch gleichzeitig bieten sie hierdurch eine gewisse Angriffsfläche. Besonders häufig werden Frauen zur Zielscheibe von Anfeindungen und Hate Speech (Hassrede). Auch unter den Demonstrierenden der Fridays for Future (FFF)-Bewegung sind viele Frauen, die ihre Meinung mit der Öffentlichkeit teilen und dafür tagtäglich mit Kritik konfrontiert werden. Eine Analyse des Umgangs der FFF-Aktivistinnen mit Anfeindungen in den sozialen Netzwerken zeigt, wie unterschiedlich mit öffentlicher Kritik umgegangen werden kann.

Anfeindungen gegen Klimaaktivistinnen nehmen zu

Nachdem die FFF-Bewegung im August 2018 von der damals 15-jährigen Greta Thunberg ins Leben gerufen wurde, schlossen sich der Bewegung weltweit viele Schüler*innen und Studierende an. In Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen gelang es den Aktivist*innen nicht nur, auf die Wichtigkeit der Ziele des Pariser Abkommens hinzuweisen, sondern auch konkrete Forderungen an die Politik zu stellen. Doch trotz vieler Unterstützergruppen und Anhänger*innen, stößt die Bewegung regelmäßig auf Gegenwind. Stimmungsmache, Shitstorms oder Hate Speech in den sozialen Netzwerken werden auch hier zu immer größer werdenden Problemen. Im Fokus der Anfeindungen stehen besonders die weiblichen Fridays for Future-Anhängerinnen. Häufig werden diese auf ihre Hautfarbe, Nationalität, Herkunft, Religion, Gesundheit oder Aussehen reduziert, um sie zum Schweigen zu bringen.

Untersuchung von Tweets

Doch wie genau gehen die Klimaaktivistinnen mit den Hasskommentaren und Anfeindungen um, die sie tagtäglich in den sozialen Netzwerken erreichen? Um eine Aussage darüber treffen zu können, analysierte Sarah Kurscheid 60 Tweets auf Twitter, in denen sich die Aktivistinnen explizit zu der Hassrede äußerten. Die Analyse wurde mit Tweets durchgeführt, die zwischen dem 13.02.2019 und dem 13.02.2020 gepostet wurden. Das Augenmerk lag hier auf den beiden Klimaaktivistinnen Greta Thunberg als Begründerin der FFF-Bewegung und Luisa Neubauer, die als deutsches Gesicht der Bewegung bekannt wurde.

Hass gegen Frauen in sozialen Netzwerken

Die Ergebnisse der Analyse verdeutlichten nochmals die unterschiedlichen Vorgehensweisen beim Umgang mit Anfeindungen und Hate Speech in den sozialen Netzwerken. Sowohl Thunberg als auch Neubauer reagieren und handeln situationsabhängig und unter Berücksichtigung ihrer persönlichen Wertevorstellung. 

„When haters go after your looks and differences, it means they have nowhere left to go. And then you know you’re winning! I have Aspergers and that means I’m sometimes a bit different from the norm. And – given the right circumstances – being different is a superpower. #aspiepower

Quelle: Twitter. @GretaThunberg, 31. August 2019

„I’m not public about my diagnosis to „hide“ behind it, but because I know many ignorant people still see it as an „illness“, or something negative. And believe me, my diagnosis has limited me before.“

Quelle: Twitter. @GretaThunberg, 31. August 2019

„Before I started school striking I had no energy, no friends and I didn’t speak to anyone. I just sat alone at home, with an eating disorder. All of that is gone now, since I have found a meaning, in a world that sometimes seems shallow and meaningless to so many people.“

Quelle: Twitter. @GretaThunberg, 31. August 2019

Greta Thunberg äußert sich vermehrt allgemein zu Anfeindungen und versucht mit Hilfe von Fakten und Klarstellungen gegen Fake News, Halbwahrheiten und Anfeindungen vorzugehen. Auch in den oben beispielhaft aufgeführten Tweets äußert sie sich inhaltlich gegen Anfeindungen, die ihr Aussehen und ihre Krankheiten kritisieren. Indem sie sich solidarisch gegenüber anderen Betroffenen zeigt und ihre eigenen Emotionen in einigen der Tweets öffentlich macht, zeigt sie Stärke und versucht, die einschüchternde Wirkung von Hasskommentaren zu reduzieren. Unterstützt wird die persönliche Wirkung ihrer Tweets durch die Einbindung von Selfies.

„..dumme Göre *und Buchautorin. https://twitter.com/NilsWunsch/status/1182168792107032576

Quelle: Twitter. @Luisamneubauer, 13. Oktober 2019

Luisa Neubauer handelt hingegen anders. Die Klimaaktivistin zieht es vor, Anfeindungen öffentlich zu teilen und auf ironische Art zu kommentieren. Hierzu bindet sie entweder Screenshots der feindlichen Kommentare, Links oder die entsprechenden Tweets direkt in ihren Tweets ein. Sie versucht über Humor und Sarkasmus die Wirkung von Anfeindungen zu reduzieren, da bei dieser Art von Inhalt der entsprechenden Kommentare keine faktenbasierte Argumentation zielführend wäre.

Hassrede wirksam begegnen

Steigt zukünftig die Zahl der Anfeindungen oder Shitstorms in den sozialen Netzwerken weiterhin an, wird ein richtiger und zielführender Umgang mit entsprechenden Kommentaren nicht nur für Unternehmen und Personen des öffentlichen Lebens, sondern auch für private Social Media-Nutzer*innen immer wichtiger.

Tipps für den Umgang mit Anfeindungen in den sozialen Netzwerken

  1. Analyse der Situation
    • Hate Speech und Anfeindungen richten sich meist nicht gegen einen persönlich. Betroffene Personen sollen vielmehr mit Hilfe von Anfeindungen eingeschüchtert und zum Schweigen gebracht werden. Was ist der Auslöser der Situation? Welche Zielgruppe soll mit der jeweiligen Strategie erreicht werden? Was soll mit der eigenen Reaktion erreicht werden?
  2. Auswahl der Strategien zum Umgang mit Hate Speech
    Mögliche Strategien wären hier zum Beispiel:
    1. Ignorieren der Anfeindungen
    2. Melden der Anfeindungen
    3. Anfeindungen und Hate Speech explizit zu veröffentlichen und darauf zu reagieren
    4. Nennung von Fakten, um Halbwahrheiten, Fake News oder Widersprüche aus dem Weg zu räumen
    5. Fokus auf das eigentliche Thema zurückzulenken und den Anfeindungen so keinen Raum zu bieten
    6. Verweis auf die Netiquette
  3. Reflexion über die gewählte(n) Strategie(n)
    • Aufgrund der Schnelllebigkeit und Dynamik in den sozialen Netzwerken, ist es auch im Rahmen der strategischen Abwehr von Hate Speech erforderlich, die zuvor umgesetzten Strategien zu kontrollieren, reflektieren und bei Bedarf an neue Umstände anzupassen.

Doch den einzig wahren Leitfaden, der in jeder Situation anwendbar sein wird, wird es wohlmöglich nie geben. Viel wichtiger wird es sein, die Situation individuell zu betrachten und die bekannten Strategien gegeneinander abzuwägen. Mit weiteren Analysen, die andere Teilbereiche dieser Thematik abgreifen, könnten bereits bekannte Strategien erprobt werden und gegebenenfalls weiter verbessert oder als nicht zielführend offenbart werden.

/ Sarah Kurscheid

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