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Um Medienschaffenden beim gendersensiblen Schreiben zu helfen, betreibt der Journalistinnenbund das Online-Portal genderleicht.de. gender2technik hat die Seite getestet und mehr gefunden als nur Gendersternchen.

„70 Jahre und noch immer eine Traumfigur. Mit schmaler Taille und wohlgeformtem Hintern zieht die Vespa auch heute noch viele Blicke auf sich. 2016 feiert sie ihren runden Geburtstag. Lernt man die Fahrer der zweirädrigen Wespe kennen, zeigt sich schnell, dass die alte Dame mehr kann als gut auszusehen: Sie verbindet Menschen.“

So lautete der Text-Einstieg eines Studenten im Fach Technikjournalismus an der H-BRS zum Thema Vespa-Jubiläum. Hier wird mit Geschlechterstereotypen gespielt und dadurch Aufmerksamkeit geweckt. Aus journalistischer Sicht eine gute Idee, aber wenig gendersensibel. Wie man im Journalismus und damit auch im Technikjournalismus geschickt „gendern“ kann, wird auf dem Portal genderleicht.de erläutert.

Projekt des Journalistinnenbundes

Seit Juni 2019 betreibt der Journalistinnenbund die Website, um Medienschaffenden, die gerne gendern wollen, das nötige Handwerkszeug bereitzustellen. Die Website ist ein Serviceangebot für Journalist*innen sowie für alle anderen, die Texte schreiben, fotografieren, Audios oder Videos produzieren. Das Portal bietet eine erste Orientierung, fachlichen Rat und praktische Tools, wenn es darum geht diverse Zielgruppen anzusprechen.

Gendern leicht gemacht

Das sogenannte „Gendern“ beschreibt das Nutzen geschlechtsneutraler Begriffe, oder von Begriffen die alle Geschlechter sichtbarer machen, statt der Verwendung des generischen Maskulinums. Es ist im Journalismus nicht weit verbreitet, im Gegenteil, häufig ist die gendersensible Sprache selbst Gegenstand populistischer Kritik (vgl. z.B. FAZ). Die Gründe dafür sind vielfältig, aber meistens pragmatischer Art: Zum einen müssen Journalist*innen häufig möglichst viel Information auf möglichst wenig Raum unterbringen (Zeichenbegrenzung), zum anderen sind es manchmal auch Schreibgewohnheiten und so plastische Sprachbeispiele wie oben, die eine gendersensible Sprache verhindern.

Vorschläge für den Stil und die Dramaturgie von Artikeln, im Speziellen für Technikartikel, finden sich jedoch nicht bei genderleicht.de. Es wird eher dazu ermuntert, mehr und jenseits von Stereotypen mit Sprache zu spielen und sich nicht sklavisch an selbst auferlegte Genderregeln zu halten. Die sprachliche Ästhetik und der Lesefluss, spielen eine ebenso große Rolle wie das zielgruppengerechte Schreiben. Statt wie in unserem obigen Beispiel „Fahrer“ hätte der Student auch von „Fans“, „Fahrbegeisterten“ oder auch einfach mal von „Liebhaberinnen“ schreiben können.

Generisches Maskulinum

Das Hauptproblem, das von genderleicht aufgegriffen wird, ist das häufige Nennen von männlichen Experten und das mentale Ausblenden von Frauen durch das generische Maskulinum. Statt zum Beispiel von „Forschern“ zu schreiben, würde genderleicht.de einen geschlechtsneutralen Oberbergriff wie „ein wissenschaftliches Team“ oder „wissenschaftliches Personal“ empfehlen, da diese Oberbegriffe nicht nur Frauen, sondern auch Menschen die sich keinem der beiden gängigen Geschlechter zuordnen können, mit einschließen. Denn selbst wenn man hier auf die altbewährte Doppelnennung zurückgreift, also „Forscherinnen und Forscher“ statt „Forscher“, schließt man diese Gruppe immer noch aus. Besser, und von genderleicht.de daher auch stärker empfohlen, sind neben geschlechtsneutralen Oberbegriffen auch Partizipien wie „Forschende“. Die Version mit Gendersternchen, also „Forscher*innen“ oder mit Gender-Gap „Forscher_innen“ empfiehlt auch genderleicht.de unter Vorbehalt – bzw. „wenn es zu Ihrem Medium passt“.

Trotzdem gilt: besser ein Gendersternchen zu viel als das generische Maskulinum, da hier nachgewiesenermaßen Frauen nicht mitgedacht werden. Das Wort „Forscher“ aktiviert die kognitive Kategorie „männlich“ stärker als die Kategorie „weiblich“, selbst wenn es im Deutschen so ist, dass das männliche Genus nicht für das Geschlecht steht und grammatikalisch auch Frauen mit bezeichnet – das Wort „Forscher“ also auch für „Forscherinnen“ steht. Trotzdem werden Frauen hier oft weniger assoziiert, als es in der Realität dann tatsächlich gibt.

Mehr als nur Gendersternchen

Neben Tipps für lesegerechtes Gendern in journalistischen Artikeln bietet genderleicht.de auch Hilfe, wenn es um die direkte Ansprache, bzw. die passende Anrede geht und verfügt über ein Glossar mit allen gängigen Begrifflichkeiten aus der Genderforschung. Außerdem gibt es im Menü die verschiedensten Einstiege je nach dem, ob man sich mehr mit redaktionellen Tätigkeiten, Bildauswahl bzw. Fotografie, Texten oder Audioproduktion befasst.

/Nina Leonhardt

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