Unterhaltungsmedien reproduzieren Stereotype über MINT-Berufe. Gleichzeitig treten in den fiktionalen Formaten zunehmend kompetente und intelligente Neurobiologinnen oder Forensikerinnen auf.

Wenn sich in amerikanischen Unterhaltungsmedien Dramen oder Liebesgeschichten in Naturwissenschaften, Technik, Ingenieurwesen und Mathematik abspielen, dann sind die dominanten Charaktere vorwiegend männlich. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Geena Davis-Instituts in Kalifornien. In der 2018 in Zusammenarbeit mit der Lyda Hill Foundation veröffentlichten Untersuchung „Portray Her: Representation of Women STEM Characters in Media“ zeigt sich, dass die Unterhaltungsmedien Stereotype über MINT aber nicht nur reproduzieren, sondern auch brechen.

Die Wissenschaftler*innen untersuchten die auf Grundlage verschiedener Rankings meistgesehenen amerikanischen Kabel-,TV-Programme und Filme der Jahre 2007 bis 2017. Auch MINT-Charaktere auf den Streaming Plattformen Amazon, Netflix und Hulu des Jahres 2017 flossen in die Untersuchung mit ein. Insgesammt wurden so 1007 MINT-Charaktere aus allen Plattformen untersucht.

Männer dominieren MINT in den Medien

Häufigkeit von Frauen und Männern in MINT in den Unterhaltungsmedien / Datengrundlage: Portray Her Studie
Häufigkeit von Frauen und Männern in MINT in den Unterhaltungsmedien / Datengrundlage: Portray Her Studie

MINT-Männer sind fast doppelt so häufig zu sehen wie MINT-Frauen. Zusätzlich zeigen die Daten, dass Frauen seltener als Physikerinnen (6.4% gegenüber 11.8% Physikern), Ingenieurinnen (2.4% gegenüber 13.7% Ingenieuren) und Menschen in Computerberufen (8.6% Frauen gegenüber 11.5% Männern) gezeigt werden.

Darüberhinaus vermitteln die Unterhaltungsmedien in 43 Prozent der Fälle die entmutigende Botschaft: Für einen MINT-Beruf muss das Privat- und Familienleben leiden.

Die Darstellung von Vereinbarkeit in MINT-Berufen ist ausbaufähig. / Datengrundlage: Portray Her Studie
Die Darstellung von Vereinbarkeit in MINT-Berufen ist ausbaufähig. / Datengrundlage: Portray Her Studie

Aber: MINT-Frauen mindestens gleichwertig

Doch die Studie hat aus Sicht der Autor*innen auch positive Entwicklungen gezeigt: Frauen werden genauso oft wie Männer als Führungspersonen im MINT-Bereich gezeigt. Weiterhin wurden zum Beispiel Forensikerinnen als mindestens genauso kompetent, intelligent und selbstbewusst wie Männer in ihrem MINT-Beruf dargestellt. Zudem wurde die Arbeit in MINT-Bereichen als kollaborativ skizziert. Zwei Drittel der MINT-Charaktere arbeiteten mit anderen zusammen (64,5%). Dies werten die Autor*innen positiv, da Frauen diesen Aspekten im Arbeitsleben eine hohe Priorität beimessen.

Befragung amerikanischer Schülerinnen und Studentinnen

Neben der Inhaltsanalyse der Unterhaltungsmedien untersuchte das Geena Davis-Institut die Einstellungen von amerikanischen Mädchen und jungen Frauen zu MINT. Die Stichprobe umfasste insgesammt 915 Teilnehmerinnen unterteilt in drei Gruppen: Mädchen in der Mittelschule (306), Mädchen in der High School (305) und junge Frauen im Alter von 18-24 Jahren (304), die derzeit Studentinnen sind. Die Umfrage wurde im April 2018 durchgeführt.

Die befragten Schülerinnen und Studentinnen gaben an, dass sie eine positive Einstellung gegenüber MINT haben. Sie wurden gebeten, MINT mithilfe einer 7-Punkte-Skala von faszinierend bis alltäglich, attraktiv bis unattraktiv, aufregend bis unaufregend, bedeutet viel bis bedeutet nichts und interessant bis langweilig zu bewerten. MINT insgesammt erhielt eine Durchschnittsnote von 4,3, was die Autor*innen als leicht positiv bewertet haben. Technik wurde von den Mädchen und jungen Frauen mit 4,9 und Naturwissenschaften mit 4,8 deutlich positiver bewertet, als Ingenieurwissenschaften mit 3,8 und Mathematik mit 3,7.

Ein Drittel gab an, eine berufliche Laufbahn im MINT-Bereich in Betracht zu ziehen. Jedoch will nur ein Viertel eine MINT-Karriere aktiv verfolgen. Bei der Mehrheit dieser Mädchen und jungen Frauen ist es offenbar so, dass beliebte MINT-Charaktere in den Unterhaltungsmedien sie dazu inspiriert haben: zum Beispiel die Ärztin Addison Montgomery aus der Serie Private Practice, die forensische Anthropologin Temperance Brennan aus Bones oder die Neurobiologin Amy Farrah Fowler aus Big Bang Theory. Zusätzlich sind 82,7 Prozent der befragten Mädchen und jungen Frauen überzeugt, dass es wichtig sei, weibliche MINT-Frauen in Fernsehen und Film zu sehen.

Auch in Filmen sollten MINT-Frauen zu sehen sein. / Datengrundlage: Portray Her Studie
Auch in Filmen sollten MINT-Frauen zu sehen sein. / Datengrundlage: Portray Her Studie

Medien beeinflussen das Selbstbewusstsein von Kindern

Schon der Benchmark Report 2007-2017 des Instituts hatte gezeigt, dass Frauen und Mädchen in amerikanischen Familienfilmen deutlich unterrepräsentiert sind. Kindern werde gezeigt, dass Frauen nicht den Raum einnehmen, der ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht. Sie hätten zudem nicht denselben Stellenwert wie Jungen und Männer. Die Kinofilme beeinflussten Vorurteile und das Selbstbewusstsein von Kindern. Dies könne auf das ganze Leben Einfluss haben, inklusive der Berufswahl, kritisierten die beteiligten Forscher*innen. Auch das Bild von technischen Berufen werde so früh bei Kindern geprägt.

„If she can see it, she can be it.“

ist der Slogan des Geena Davis Institutes, an dem in Kalifornien zum Thema Gender in den Medien geforscht wird. 2004 wurde es von der Oskar- und Golden-Globe-Preisträgerin und Schauspielerin Virginia „Geena“ Davis gegründet.

Geena Davis, © ITU/ M. Jacobson - Gonzalez: https://www.flickr.com/photos/itupictures/9881275625/in/photostream/
Virginia Davis, Schauspielerin und Gründerin des Geena Davis Instituts / Bild: © ITU/ M. Jacobson – Gonzalez

/Deliah Michely
Quellen
Foto von Virginia Davis: © ITU/ M. Jacobson – Gonzalez
Grafiken von gender2technik auf Datengrundlage der Geena Davis Studie: Portray Her Full Report Pdf, 4,3 MB
Vollständige Studie: Portray Her Full Report Pdf, 4,3 MB

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Die Serie „The Big Bang Theory“ mit ihren mittlerweile zwölf Staffeln wird im Mai 2019 beendet. Das erfolgreiche Format zeigt seit 2007 den Alltag rund um Nerd-Kultur, Neurosen – und Wissenschaft. Was zu Beginn als reine Unterhaltung geplant war, hat mit den Jahren die öffentliche Sicht auf ein Berufsbild verändert. Seit den 1990er-Jahren gibt es für das Phänomen einen Namen: der CSI-Effekt. Mehr dazu in unserem Blogbeitrag: „Ich wäre gern Forensikerin!“

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